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05.12.2016

Oberuferer Weihnachtsspiele

Liebe Eltern und Freunde der Schule,

wir laden Sie herzlich zu unserer diesjährigen Aufführung des Paradeis- und Christgeburtsspieles ein und würden uns freuen, wenn Sie die Aufführungen am

4. Adventssonntag, 18. Dezember 2016 um 18.00 Uhr

besuchen könnten, 


denn es liegt uns daran, inmitten all des Lärms und der Turbulenz, welche die Vorweihnachtszeit mehr und mehr auszufüllen drohen, gemeinsam mit Ihnen Raum zu schaffen für geistige Inhalte.

Gewiss, mancher von Ihnen hat das Weihnachtsspiel schon einmal oder gar schon öfter gesehen. Muss es also jedes Jahr wieder dasselbe sein?

Ja, das muss es.

Denn wir wollen uns gerade durch die Bilder dieses Spieles in jedem Jahre neu auf die Quellkräfte unseres geistigen Ursprungs besinnen, aus denen wir unsere Kraft schöpfen. Ist es doch jedesmal wieder bewegend, wenn der Engel bei der Austreibung aus dem Paradies dem Menschen seine Erdenaufgaben, nämlich Arbeit und Schmerzen zuweist, sodann seinen strengen Worten „So geht nun aus dem Garten nieda“ den Satz hinzufügt „I wüll eng langsam ruafen wieda“. Dürfen wir damit die im anschließenden Christgeburtspiel wiederum vom Engel verkündete Geburt als Erfüllung unseres Erdenauftrages verstehen, als die Geburt des Gotteskindes in unserem Inneren?

Was haben gerade diese Weihnachtsspiele anderen noch erhaltenen Weihnachtsspielen voraus?

Unter allen Spielen, die aus dem alten Volksgut der deutschsprachigen Landschaften überliefert sind, gehören die Spiele aus Oberufer bei Pressburg unbestritten zu den schönsten ihrer Art; das verdanken sie dem günstigen Schicksal, dass sie bereits etwa gegen Ende des 16. oder zu Beginn des 17. Jahrhunderts von Einwanderern aus deren ursprünglicher Heimat, der Bodenseegegend, nach Oberufer bei Pressburg mitgenommen worden und dort auf der deutschen Sprachinsel Schütt in ihrer ursprünglichen Gestalt unverfälscht erhalten geblieben sind.

Wenn wir diese Spiele heute und jedes Jahr neu für unsere Schulgemeinschaft aufführen, geht es uns nicht darum, sie als literarisch wertvolle „Museumsstücke“ vorzuzeigen, sondern darum, ihren geistigen Gehalt in der Urbildhaftigkeit dieser einfachen Spiele vor den Seelen der Zuschauer zu aktualisieren.

Die entscheidenden Anregungen zur Einbindung der Oberuferer Weihnachtsspiele in die weihnachtliche Festgestaltung der Waldorfschulen verdanken wir im Wesentlichen Rudolf Steiner, der die Spiele seinerseits von seinem Lehrer und Freund Karl Julius Schröer (1825-1900), dem Wiener Literaturwissenschaftler und Volkstumsforscher, erhalten hat.

Steiner ließ die inhaltliche Substanz der Spiele unangetastet. Spielart und Aufführungspraxis aber änderte er in wesentlichen Punkten. So reduzierte er die mehr zeitbedingten Umstände der mittelalterlichen Aufführungspraxis zugunsten einer verinnerlichten und individuellen Gestaltung: Statt der durchgehend männlichen Besetzung aller Rollen werden heute weibliche Darsteller für weibliche Rollen eingesetzt. Die früher einheitliche Mönchsgewandung aller Spieler musste einer farblich differenzierten, rollenspezifischen und individuellen Kostümierung der Spieler weichen. Auch auf Masken und auf die monotone Art des skandierenden Textvortrages wird heute verzichtet.

An ihre Stelle ist eine holzschnittartige Einfachheit der Darstellung getreten. Und vor allem durch die Beibehaltung des Dialektes – für einen Ruhrgebietler oft keine geringe Hürde - kann die urwüchsige Kraft und Gemüthaftigkeit der Spiele ihre eindrückliche Wirkung entfalten. Gelegentliche Versuche Unkundiger, die Sprache dieses Dialektes zu „verhochdeutschen“, haben sich bis heute als vergebliche Mühe erwiesen. Diese  Bilder, diese Sprachklänge und die Innigkeit des Ausdrucks sind nicht ins Hochdeutsche übertragbar, ohne den Spielen Gewalt anzutun.

Das eindrucksvollste Symbol dieser Spiele aber ist die aus der mittelalterlichen Tradition übernommene Gestalt der Bühne: Der ganze Bühnenraum bildet die Welt im Kleinen ab, sodass diese von Anfang bis Ende in ihrer Gesamtheit überschaubar bleibt. Rechte und linke Bühnenseite gelten als Orte für Himmel und Hölle, Vordergrund und Bühnenmitte als neutraler Schauplatz göttlich-menschlichen Handelns; und alle Spieler sind während des ganzen Spieles auf der Bühne anwesend - die „bösen“ auf der linken, die „guten“ auf der rechten Seite der Bühne. Von dort aus treten sie in Aktion, wenn ihre Zeit gekommen ist – so wie wir, eingebunden in die Weltenmächte des Guten und Bösen, die Bühne des Lebens betreten und diese nach vollbrachter Arbeit auch wieder verlassen, wenn die Zeit zur Erfüllung neuer Aufgaben gekommen ist.

 

Wir freuen uns auf Ihr Kommen.

 

 

 

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