Fremdsprachenunterricht

Die Förderung der menschlichen Entwicklung ist auch im Fremdsprachenunterricht Mittelpunkt unserer pädagogischen Bemühungen, und daher sollte jeder Unterrichtsstoff in erster Linie Mittel zu diesem Zweck sein, ganz gleich, ob es sich um Lektüre, Wortschatz, Landeskunde, Grammatik oder anderes handelt. In methodischer Hinsicht ist es uns darum zu tun, den Schülern die formale Struktur (insbesondere die Grammatik) einer Fremdsprache ganz aus der Substanz der Sprache heraus (R. Steiner) nahezubringen. Es kommt uns darauf an, die jungen Menschen so an die fremde Sprache heranzuführen, dass sie deren im Kulturgut begründete Gesetze nicht einfach als gegeben hinnehmen, sondern sie in ihrer Eigenart und ihrer Andersartigkeit gegenüber der Muttersprache verstehen und würdigen lernen. Auf solche Weise versuchen wir die Grundlagen zu schaffen für ein vertieftes Menschen- und Kulturverständnis, mit dem dann uneigennützige und individuell verantwortete Beiträge zur Lösung der Globalisierungsprobleme in unserer Welt möglich werden.

Wie an allen Waldorfschulen gehören auch an unserer Schule von der ersten Klasse an zwei Fremdsprachen zum festen Bestandteil des Unterrichtsplanes. Bei uns sind dies in den Klassen  1-8 Englisch und Russisch, von der 9. Klasse an kann alternativ zu Russisch ggf. Latein als 2. Fremdsprache gewählt werden, in der 11. Klasse bieten wir als neu einsetzende Fremdsprache Spanisch an.

 

 

Früher Beginn des Fremdsprachenunterrichts

Mit dem frühen Beginn des Fremdsprachenunterrichts meinen wir kein leistungsbedingtes oder politisches Zugeständnis an die zunehmende Globalisierung unserer Lebensbedingungen und die daran geknüpften gesellschaftlichen Erwartungen. Vielmehr hat die Tatsache des frühen Beginns mit zwei Fremdsprachen in erster Linie menschenkundlich-pädagogische Gründe. Denn lassen wir uns auf die Sprache unserer Mitmenschen ein, so lassen wir uns damit auf deren Denk- und Empfindungshaltung ein, lernen sie verstehen und würdigen. Von dieser Erfahrung gehen wir auch beim Fremdsprachenunterricht aus. Und wir meinen, dass damit zugleich das eigene soziale Engagement im Leben eine intensive Schulung erfährt.

Ziel des Fremdsprachenunterrichts in den ersten zwei bis drei Jahren ist es zunächst nicht, den Kindern übersetzbares Sprachwissen zu vermitteln. Sie sollen vielmehr erst aus dem Klang und der Lautgebärde der fremden Sprache das Unübersetzbare heraushorchen und sich im wahrsten Sinne des Wortes in der Sprache bewegen lernen, ehe ihnen ihre „Kenntnisse" systematisch bewusst gemacht werden und sie auch die Strukturen dieser Sprache als Ausdruck des fremden Sprachgeistes begreifen lernen. Erst allmählich lernen die Kinder ihr fremdsprachliches Vermögen auch gedanklich zu überschauen und so zu differenzieren, dass es abfragbar wird. Das ist aber ein langsam sich vollziehender Abstraktionsprozess, der in keiner Weise forciert werden sollte.

Da mag nach außen hin manches so scheinen, als erschöpfe sich der Unterricht in einem mehr spielerischen, willkürlicher Spontaneität entspringenden Tun und sei deshalb auch noch nicht recht ernst zu nehmen, da ja nicht einmal ein Lehrbuch verwendet wird.

Der Lehrer aber wird, statt ein Lehrbuch zu benutzen, umso genauer ins Bewusstsein nehmen, welche Wörter in welchen Liedern, Gedichten, Geschichten, Rollenspielen oder Unterrichtssituationen bereits präsent gewesen sind, von welchen landes- und volkskundlichen Eigenheiten erzählt wurde und welche grammatischen Strukturen anhand eines Stoffes in den lebendigen Unterrichtssituationen schon verwendet worden sind und immer wieder verwendet werden.

So lernen die Kinder bis zum Ende des dritten Schuljahres, über einen soliden Sprachfundus zu verfügen.

Dieser soll stofflich alle Lebensbereiche beinhalten, welche der Entwicklungsstufe des Kindes entsprechen: z. B. alles, was mit der menschlichen Gestalt zusammenhängt (Glieder, Sinnesorgane etc.), die Bereiche der Nahrung, der Kleidung des Menschen und alles, was mit dem Leben im Haus zu tun hat, sowie Tätigkeiten des Menschen, verschiedene Berufe usw.; dann Uhrzeit, Tageszeiten, Wochentage, Monate, Jahr und Jahreszeiten wie auch Zahlen, Farben, Wetter und Elemente; des Weiteren verschiedene Tiere und ihre Umgebung (Bauernhof, Wald) verschiedene Pflanzen und Steine u. a. m. Auch sind Sprechübungen verschiedenster Art (z. B. Zungenbrecher) wie die Fingerübungen beim Erlernen eines Musikinstruments unentbehrlich, um eine gewisse Geläufigkeit im Sprechen der fremden Sprache zu erwerben und die Sprachwerkzeuge geschmeidig zu machen.

Aller Stoff wird möglichst so ausgewählt, dass das jeweils gesprochene Wort mit Bewegungen und Tätigkeiten mannigfaltiger Art einhergehen kann.

Großer Wert wird darauf gelegt, dass immer Sinnzusammenhänge bzw. ganze Sätze gesprochen werden. Jeder Text, der von den Kindern gesprochen wird, sollte zudem einem gewissen stilistischen Niveauanspruch genügen. Es wäre völlig falsch zu meinen, man müsse sich in Stil und Wortwahl auf eine Art Primitivstufe begeben, damit der Inhalt verständlich sei; denn das Kind ist ja darauf angewiesen, sich an sein Vorbild zu halten.

Ein sprachliches Vorbild wird demnach immer einen gewissen Anteil an Unverständlichem enthalten, auch wenn es sich um einfache Sprache handelt. Aber gerade dieses Unverständliche lassen wir die Kinder auch sprechen. So bildet sich zunächst ein reicher passiver Wortschatz, der dann im Laufe der Jahre durch ein langsam sich ausweitendes Verständnis von Sinnzusammenhängen aktiviert werden kann.

 

 

Aspekte der Sprachenwahl

Es ist uns daran gelegen, dass die angebotenen Sprachen ihrer inneren Struktur und Wesensart nach so verschieden wie möglich sind; denn gerade das Eingespanntsein in die Polarität zweier sehr unterschiedlicher Sprachen schafft seelische Lebendigkeit, vor allem aber auch gedankliche und sprachliche Beweglichkeit.

Englisch ist an der Rudolf-Steiner-Schule als einzige Fremdsprache von der ersten bis zur letzten Klasse Bestandteil des Lehrplans und kann auch zu keinem Zeitpunkt ab- oder neu dazu gewählt werden. Neben Mathematik und Deutsch ist es eines der drei zentral geprüften Fächer zur Erlangung des mittleren Abschlusses, der Fachoberschulreife. Die zentrale Rolle der englischen Sprache als universelle Wirtschafts- und Wissenschaftssprache und auch als vorherrschende Reisesprache wird im Rahmen der Globalisierung zusätzlich verstärkt. 

Das Erlernen der englischen Sprache als eine der Muttersprache ähnliche Fremdsprache leistet einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung und Bewusstwerdung allgemeiner sprachlicher Fähigkeiten. Der emotionale Vergleich zwischen Mutter- und Fremdsprache in den ersten Lernjahren (durch Hervorhebung der Ähnlichkeiten) und die kognitiv-methodische Abgrenzung in späteren Jahren (durch Hervorhebung der Unterschiede) wirkt auf die muttersprachlichen Fähigkeiten zurück. Außerdem eröffnet sich für die SchülerInnen durch die Polarität zur für acht Jahre ebenfalls obligatorischen russischen Sprache (und darüber hinaus durch die Konfrontation mit den Besonderheiten einer romanischen Sprache wie Latein oder Spanisch) ein breites Spektrum an sprachlichen Phänomenen, deren Kenntnis den Erwerb weiterer Fremdsprachen im späteren Leben nicht nur erleichtert, sondern weitgehend erst ermöglicht.

In der Praxis gliedert sich der Englischunterricht in drei sich teilweise überlappende Phasen: Die ersten Jahre haben das gefühlsmäßige Erfassen der Sprache als Schwerpunkt. Hier wird in erster Linie die praktische Anwendung erlernt und geübt. Wortschatz- und Grammatikübungen sind ebenfalls Bestandteil des Lernens, der Fokus liegt jedoch klar auf dem Sprachgebrauch.

Im Anschluss folgt eine mehrjährige Phase der kognitiven Auseinandersetzung mit den Gesetzmäßigkeiten der Sprache als Ausdruck der dahinterstehenden Mentalität. In der letzten, ebenfalls mehrjährigen Lernphase werden die während der ersten beiden Phasen erworbenen Erkenntnisse und Fähigkeiten zusammengeführt. Die Sprache ist nun Werkzeug zur Kommunikation und zum Verständnis der in ihr zum Ausdruck kommenden Lebens- und Sichtweise.

Russisch lernen unsere Schüler neben Englisch von der 1. Klasse an und kann als zweite Fremdsprache bis zum Abitur behalten werden. Mit dem Erlernen der russischen Sprache öffnet sich für die Schüler der osteuropäische Kulturraum, mit ihr wird ein Ausgleich geschaffen zur heute vorherrschenden einseitigen Orientierung an der westlichen Welt. Russland ist das flächenmäßig größte Land der Erde und bietet für Besucher zwischen St.Petersburg und Kamtschatka (Sibirien) eine faszinierende kulturelle und geografische Vielfalt. Russland ist ein schwieriger Partner, aber es ist unbestritten einer der führenden Staaten der Welt und eine alte Kulturnation. Die Beschäftigung mit der russischen Sprache ist aus politischen, wirtschaftlichen und touristischen Gründen gewinnbringend.

Darüber hinaus hat die Sprache mit ihrem typischen Klangbild und ihrer komplexen Grammatik selbst ihren Reiz. Durch ihre Klangfülle spricht sie die Kinder unmittelbar an. Ihre weichen Konsonanten und offenen Vokale geben ihr einen melodischen Charakter. Das schult das Gehör und wirkt sich ausgleichend auf das Seelenleben der Kinder aus. Die Beschäftigung mit ihrer Grammatik schult das analytische Denken, was sich förderlich auf das Verständnis mathematischer Probleme und auf das Erlernen weiterer Fremdsprachen auswirken kann.

In der Unterstufe fällt es den Kindern leicht, Russisch zu lernen. In den ersten beiden Klassen arbeiten sie nur mündlich und freuen sich schon auf das Schreiben der russischen Buchstaben, das in der 4. Klasse ein wichtiger Schwerpunkt des Unterrichts wird. Neben der Schreibschrift lernen die Kinder auch das Lesen der russischen Druckschrift, die ein wenig von der Schreibschrift abweicht. Später beim Erlernen der Grammatik sind vor allem die sechs Fälle des Russischen eine Herausforderung für die Schüler. Die Rechtschreibung wiederum ist einfach, da man die Worte so schreibt, wie man sie spricht.

In der Oberstufe sind neben der Landeskunde die russische Literatur und Geschichte Gegenstand des Unterrichts. Ihre Inhalte helfen den Schülern, die Mentalität und Kultur Osteuropas zu verstehen und neben den Unterschieden auch die Gemeinsamkeiten zu erkennen.

Für Quereinsteiger aus andern Schulen ist es bis zur 4. Klasse in der Regel kein unlösbares Problem, neu in die Sprache einzusteigen, da erst jetzt das Schreiben geübt und das Lesen gefestigt wird. Später dazukommenden Schülern empfehlen wir aber, sich zusätzliche Hilfestellung für das nachträgliche Erlernen der Grundlagen zu sichern, um den Anschluss an die Klasse zu schaffen.

Von der neunten Klasse an können die SchülerInnen als zweite Fremdsprache alternativ Latein wählen. 

Eine Sprache zu erlernen, die heute nur noch in Liebhaberkreisen aktiv gesprochen wird, fordert von den SchülerInnen eine fortgeschrittene Abstraktionsfähigkeit – schließlich geht es darum, sich immer wieder in eine Kultur hineinzudenken, deren Blütezeit gut 2000 Jahre zurückliegt und die deshalb emotional für uns nur schwer zu erschließen ist. Der unvorstellbar große Zeitraum zwischen der Antike und der heutigen Zeit kann nur dann überschaubarer werden, wenn es gelingt, den Jugendlichen bewusst und erfahrbar zu machen, dass unsere heutige Kultur ihre Wurzeln in der griechisch-römischen Antike hat. Das ist vor allem dort besonders leicht nachvollziehbar, wo Fremdwörter an ihren griechischen oder lateinischen Ursprung erinnern, wie z. B. „Republik“ (lat. „res publica“ - öffentliche Angelegenheit), „Jura“ (lat. „ius“ - Recht) etc. Selbst in Technik und Technologie finden sich überall sprachliche Reminiszenzen der alten Welt, wie z. B. in „Computer“ (lat. „computare“ – „zusammendenken“, „ausrechnen“).

Aber nicht nur die Sprache stellt den Bezug zur alten Welt her, sondern auch viele Errungenschaften der heutigen Zivilisation: Unser Staatsmodell, das Rechtssystem, die Medizin, der Straßenbau, die Schrift und vieles mehr sind ohne die bahnbrechenden Ideen der Antike kaum denkbar. Selbst die Kunst und die Architektur nehmen heute immer noch antike Formen, Stoffe und Motive auf.

Das wichtigste Ziel des Unterrichts ist es also, die römische Lebens-, Denk- und Sprechweise in den SchülerInnen lebendig werden zu lassen. Ob es um Darstellungen des antiken Alltags, Geschichtsschreibung, Rhetorik, Philosophie oder Liebesdichtung geht – überall finden sich Gedanken, die entweder noch heute ihre Gültigkeit besitzen oder zumindest im Kontrast zur heutigen Zeit dazu beitragen können, moderne Sachverhalte kritisch zu hinterfragen.

Darüber hinaus sprechen auch zweckorientierte Gründe für das Erlernen der lateinischen Sprache: Zum einen fördert der Umgang mit der lateinischen Sprachstruktur die Fähigkeit zu genauem und abstraktem Denken, zum anderen ist das Latinum in manchen Bundesländern immer noch Voraussetzung für einige wissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Studiengänge. Darüber hinaus finden sich manche SchülerInnen, die sich mit dem Erlernen von zwei lebenden Fremdsprachen schwer tun, im logisch durchschaubaren lateinischen Sprachbau eher zurecht. 

Die Wahl der lateinischen Sprache kommt an unserer Schule auch den SchülerInnen zugute, die erst in der oberen Mittelstufe von einer anderen Schule zu uns wechseln und den Vorsprung ihrer MitschülerInnen in der russischen Sprache unter Umständen nicht mehr aufholen können.

Spanisch zählt in der Rangfolge direkt hinter Englisch und Chinesisch zu den drei meist gesprochenen Sprachen der Welt, was vor allem darin begründet liegt, dass das Spanische nicht nur in Spanien, sondern in weiten Teilen Lateinamerikas verbreitet ist. Lebendigkeit und Modernität prägen diese sonnige Sprache, die in ihrer Musikalität – bedingt durch das überwiegend vokalische Element - eine große Portion südländischen Lebensgefühls transportiert. Als gesprochene Sprache bietet sie zahlreiche Anlässe für einen lebensnahen, kommunikativen Fremdsprachenunterricht. Durch die recht überschaubare und eingängige Grammatik wirkt das Spanische auf die Schülerinnen und Schüler motivierend und verschafft schnelle Erfolgserlebnisse. Die eigentliche Herausforderung liegt in der schnellen Progression, für die ein regelmäßiges Vokabellernen unerlässlich ist.

Das Angebot an unserer Schule umfasst derzeit einen vierstündigen Intensivkurs Spanisch ab Klasse 11, der die Schülerinnen und Schüler in drei Jahren - alternativ zu Russisch und Latein - auf die mündliche Abiturprüfung vorbereitet.

Im ersten Lernjahr (Klasse 11) werden die Grundgrammatik sowie bereits ein recht umfangreicher Basiswortschatz erarbeitet.

Im darauffolgenden Lernjahr (Klasse 12) wird das Lehrbuch durch die Arbeit an authentischen Texten abgelöst. Die inhaltlichen Vorgaben kommen den Interessensgebieten und der Lebenswirklichkeit Jugendlicher sehr entgegen. Ausgewählt wird aus einem Spektrum unterschiedlichster soziokultureller Themen mit Blick auf Spanien und Südamerika. Bei der Arbeit an diesen aktuellen Thematiken gewinnen die gesprochene Sprache und das kommunikative Element zunehmend an Bedeutung und die Lernenden werden dazu animiert, sich im freien Vortrag, in Gesprächen und Diskussionen zu üben. Darüberhinaus bietet der Unterricht ihnen die Möglichkeit, andere Kulturen kennenzulernen und die eigene Lebenswirklichkeit in einem größeren Zusammenhang gespiegelt zu sehen.

Das letzte Lernjahr (Klasse 13) ist ganz der Vorbereitung auf die mündliche Abiturprüfung gewidmet.